Am 3. Oktober feiern wir wieder den Tag der Deutschen Einheit. Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist „Spaltung“ aber noch immer das große Schlagwort, wenn es um unsere Gesellschaft geht. Der Linguist Prof. Kersten Sven Roth sagt: Wichtig ist nicht nur, was wir sagen, sondern vor allem, wie wir es sagen. In seinem Buch „Ostdeutsch? Westdeutsch? Missverständnis!“ untersucht er, wie in Deutschland seit der Wende über Ost und West gesprochen wird. Sein Ergebnis: Der Osten wird dabei immer wieder als das Andere, Fremde und Schwache dargestellt. Im Interview erklärt Prof. Roth, warum es „den einen Osten“ gar nicht gibt, warum auch Ostdeutsche selbst diese Muster benutzen und wie wir künftig besser miteinander reden können.
Warum sprechen wir auch heute noch so viel über Ost und West, obwohl die Wiedervereinigung schon über 35 Jahre her ist?
Etwas zugespitzt: Weil wir vielleicht noch gar nicht richtig angefangen haben, miteinander darüber zu sprechen. Wenn man als Linguist auf die Geschichte der Debatte schaut, muss man sagen, dass wir uns im Grunde seit über drei Jahrzehnten mit denselben langweiligen Klischees aufhalten. Der gute alte „Jammerossi“ und der ebenso altbekannte „Besserwessi“ sind nie verschwunden. Was uns dagegen nicht gelingt, ist, einmal jenseits persönlicher Betroffenheit darüber zu sprechen: Was meinen wir eigentlich mit „ostdeutsch“ und „westdeutsch“? Ist der Grund, warum das Thema noch immer so präsent ist, vielleicht nicht einfach, dass wir es der Routine von Medien und den Interessen von Politik überlassen haben, statt uns einmal wirklich selbst neugierig über verschiedene Biographien, Einstellungen und Perspektiven auszutauschen?
Wenn wir vom „Osten“ sprechen: Wen meinen wir eigentlich? Gibt es überhaupt den einen Osten?
Ganz klar: natürlich nicht. „Ostdeutschland“ ist für mich als Linguisten zunächst einmal nichts anderes als ein Wort. Und die Bedeutung von Wörtern ist immer eine Konstruktion. Sprache verführt uns: Wenn es ein Wort gibt, sind wir überzeugt, dass es die Sache auch gibt. Aber das ist nicht in jedem Fall so. Wann ist jemand „ostdeutsch“? Wenn er östlich der vor über 35 Jahren gefallenen Mauer geboren wurde? Wie lange muss er da gelebt haben? Oder muss man wissen, dass die „Simme“ ein Moped und ein „Jägerschnitzel“ womöglich eine panierte Scheibe Jagdwurst ist? Was, wenn das jemand, der in Essen aufgewachsen ist, auch weiß? Wie ist das mit Leuten, die in Magdeburg geboren und aufgewachsen sind, aber seit langem in Köln leben? Bleiben sie dann Ostdeutsche? Und wenn ja: Warum werden sie dann in allen Umfragen als „westdeutsche“ Stimme gezählt, wenn sie die Fragen in der Kölner Fußgängerzone beantwortet haben? Nein, wie in anderen Fällen auch, ist einfach das Wort selbst schlicht eine Behauptung. Eine klare Bedeutung hat es in diesem Sinne nicht.
Wie wird von wem über Ostdeutschland gesprochen?
Da lassen sich linguistisch stabile Muster zeigen, die tatsächlich so fest etabliert sind, dass sie sich in Daten aus den frühen 1990er Jahren schon genauso nachweisen lassen wie in solchen aus dem Jahr 2026. Das Wichtigste ist: Der Osten ist immer das „Andere“, dieses Andere ist immer ein Defizit oder eine Schwäche, und diese Schwäche belastet den Westen und ganz Deutschland. Das Verrückte ist: Es sind gar nicht nur „Wessis“, die so reden. Menschen, die sich selbst als Ostdeutsche empfinden und bezeichnen, drehen den Spieß zwar oft um, bestätigen damit aber nur dasselbe Muster. Ostdeutsche Rapper stilisieren sich als Underdogs ohne Bildung und Kultur, als ob es in der DDR keine Bildungsmilieus gegeben hätte oder im Osten heute keine gäbe. Ein Leipziger Professor schreibt einen Bestseller, in dem ausgerechnet er die Ostdeutschen als Opfer hinstellt. Das hilft niemandem und es stimmt auch einfach nicht.

Warum wird der Osten nach wie vor in den Medien so häufig mit Themen wie der AfD, Rechtsextremismus, Demokratiedefizit oder gesellschaftlichen Problemen verbunden?
Dafür gibt es natürlich durchaus objektive Gründe. Die AfD-Landesverbände im Osten treten oft anders auf als die im Westen oder auch die Bundespartei. Sie sprechen anders, sie gehen oft weiter in ihren Positionen, sind schon rein sprachlich radikaler. Und es ist eine weitaus größere Zahl von Menschen in den östlichen Bundesländern, bei denen diese Ansprache gut ankommt. Das belegen die Wahlergebnisse ja unstrittig.
Es kommt aber noch etwas hinzu, was durchaus problematisch ist für den politischen Diskurs: Indem man die unbestreitbare Krise der Demokratie sprachlich-kommunikativ so eng mit „dem Osten“ verknüpft, macht man sie aus gesamtdeutscher Sicht eben zu einem Ausnahmephänomen. Dabei ist sie natürlich längst ein gesamtdeutsches Phänomen. Das macht Formeln wie „Der Osten ist blau“ so schwierig. Nicht nur, dass ja nun nach wie vor nur eine Minderheit der Menschen im Osten die AfD wählt – wenn auch eine große – und die Mehrheit damit sprachlich jedes Mal unsichtbar gemacht wird. Sondern auch, weil bei diesem Satz seine Umkehrung mitschwingt: „Blau ist (nur) der Osten“ – was eben Unsinn ist.
Mittlerweile gibt es mehrere Generationen, die nach der Wende geboren sind. Dennoch gibt es immer noch die Identität als Ostdeutsche oder Westdeutsche. Warum?
Weil das eine so wunderbar einfache Kategorie ist. Ein Entweder-Oder. Wir Menschen lieben es, wenn komplexe Dinge vereinfacht werden. Und das wird oft sprachlich gemacht. Natürlich gibt es aber auch Akteure, die daran ein Interesse haben. Wir leben in einer Blütezeit des Populismus in unterschiedlichen Spielarten. Der lebt von Vereinfachung und davon, Menschen einfache Identitätsangebote zu machen. Und auch wenn es vielleicht allzu kulturpessimistisch klingt: Die Verlagerung eines großen Teils des politischen Diskurses in die Sozialen Medien steuert Verheerendes dazu bei. Komplexe Wirklichkeit passt nicht in TikTok. „Ostdeutsch oder Westdeutsch?“ schon.
Und doch muss ich sie in einem Punkt korrigieren: Eine „westdeutsche“ Identität gibt es nicht. Kein Bayer und keine Niedersächsin empfindet sich als westdeutsch. Wir sprechen gar nicht über den Westen als Westen. Der Westen ist immer die „Normal null“ im Hintergrund unseres Sprechens über den Osten. In meinem Buch werbe ich dafür, das zu ändern. Wir müssen den Diskurs endlich auf zwei Beine stellen. Ich denke, dann lösen sich auch manche Verhärtungen auf.
Wie können wir – Politik, Medien – anders über Ostdeutschland sprechen, ohne immer wieder neue Grenzen zwischen Ost und West zu ziehen?
Indem wir mehr über Visionen für Deutschland und Europa statt über solche für Ost- oder Westdeutschland sprechen. Künstliche Intelligenz, Klimawandel, eine gefährliche Schere zwischen Arm und Reich und, wie von PISA erneut bescheinigt, dramatisch unterschiedliche Bildungschancen – das alles sind für sich genommen keine ostdeutschen oder westdeutschen Probleme. Wer Politik macht in einer Demokratie, muss etwas anbieten. Demokratische Kräfte können nicht einfach den Ausdruck „Demokratie“ wie eine Monstranz vor sich hertragen – denn das ist eben auch nur ein Wort. Sie müssen sich selbst vergewissern, was genau das Versprechen der Demokratie ist. Wir brauchen eine Sprache der Utopie. Warum wird es in der Zukunft besser? Wenn wir das nicht formulieren können, haben wir keine Chance.
Populisten in aller Welt, das hat der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman schön beschrieben, bauen ihren Erfolg zurzeit auf Retrotopien auf. Auf eine Vergangenheit also, die es nie gegeben hat. Bei Trump soll America „again“ great werden und bei uns soll ein ehemaliges, „normales“ Deutschland wieder hergestellt werden. Ob das die DDR ist oder die alte Bundesrepublik, lässt man natürlich geschickt offen. Das eine kommt im Osten besser an, das andere im Westen. Wenn die anderen Parteien darauf nur mit einem „Wir müssen unsere Art zu leben verteidigen“ antworten, verfängt das nicht. Denn auch das ist ja eine rückwärtsgewandte Formel. Demokratie lebt von Zukunftsvertrauen und dem stetigen Anspruch, dass es eben nicht bleibt, wie es ist, sondern die Dinge besser werden. Dafür braucht man eine Sprache, die das auszudrücken vermag.

Was können Medien, Politik und auch wir als Einzelne tun, damit unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen besser gehört werden?
Ich denke, Medien und Politik müssen ihre Perspektive wieder weiten, damit die ganze Vielfalt von Meinungen und Stimmen hörbar wird, die es ja durchaus gibt, die nur vom allgemeinen Getöse leise gedreht sind. Die letzten Jahre sind von einer zunehmenden Verengung von Themen, Argumenten und Sprachmustern geprägt. Das zeigt sich ganz besonders am Umgang mit der erstarkenden AfD. Wenn man sich den vergangenen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl im September 2026 anschaut, dann sieht man, dass es dort im Grunde keiner Partei aus dem etablierten Spektrum gelungen ist, eigene Themen zu setzen. Stattdessen haben sie alle im Grunde nur ihre Abgrenzung von der AfD kommuniziert. Die ist legitim und naheliegend angesichts der Programmatik dieser Partei – aber es genügt natürlich nicht.
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp hat kürzlich viel beachtet davon gesprochen, er wolle uns „die Fahne zurückholen“. Wenn demokratische Kräfte ein ernstzunehmendes Angebot machen wollen, müssen sie sich ein Stück weit die Sprache zurückholen. Aber ich sehe tatsächlich nicht nur Politik und Medien in der Pflicht, sondern gerade auch die Wissenschaft, zumal die Humanwissenschaften, die vermutlich aus verschiedenen Gründen vor einer Renaissance als Leit- und Orientierungswissenschaften stehen.
Nehmen wir mein eigenes Fach, das sich mit Sprache und Kommunikation befasst. Unsere Verantwortung als angewandt Forschende könnte auch darin bestehen, über Räume und Gelegenheiten nachzudenken, in denen Stimmenvielfalt, offener Austausch und das gemeinsame Entwickeln von zuversichtlichen Utopien möglich ist. Das ist im Sportverein wie in den Betrieben, von der Kirche bis zum Kleingartenverein denkbar. Gerade der Osten hat 1989 eindrucksvoll vorgeführt, welche Kraft es für das demokratische Anliegen entfaltet, wenn es gelingt, mit solchen Räumen die sprachlose Vereinzelung zu überwinden. Auch Magdeburg hat eine solche Geschichte. Eine Bürgeruniversität und eine angewandte linguistische Gesellschaftsforschung, wie wir sie an der Uni Magdeburg vertreten, könnten eine Schlüsselstellung bei der Organisation solcher Räume jenseits parteipolitischer Begrenzungen und unmittelbaren politischem Handlungszwangs einnehmen.
Wenn Sie sich wünschen könnten, worüber wir in Deutschland in Zukunft anders sprechen: Was wäre das?
Worüber? Über Zukunft und das, worin wir als Gesellschaft besser werden müssen und können. Das ist das alte Aufklärungsversprechen, das gerade auch für uns als Universität ein Auftrag bleibt. Zumal an einer Universität wie unserer, die mit Guericke einen frühen Wegbereiter der Aufklärung zum Namenspatron hat. Aber wichtiger als das Worüber scheint mir das Wie: Auge in Auge statt vermittelt durch bewusst destruktive Algorithmen und mit dem großartigen Leitsatz des Philosophen Hans-Georg Gadamer zur Orientierung: „Der andere könnte recht haben.“ Um begründet zu glauben, dass er irrt, muss ich ihn wirklich gehört haben.