„Wahlkampf ist ein sprachlicher Katalysator“

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die Parteien kämpfen um Stimmen: mit Bildern, Auftritten und vor allem mit Sprache. Der Linguist Prof. Kersten Sven Roth über politische Schlagwörter, Gefühle im Wahlkampf und die Gefahr allzu einfacher Antworten.

Was ist Wahlkampfkommunikation und welche Rolle spielt Sprache dabei?

Die Wahl ist der folgenreichste Akt, mit dem Bürgerinnen und Bürger ihre Rolle als Souverän des demokratischen Staates wahrnehmen und direkt Macht ausüben. Im Wahlkampf wird um diese Entscheidung geworben: mit Bildern, symbolischen Handlungen und vor allem mit Sprache. Für uns als sprechende Wesen ist Überzeugung nun einmal in erster Linie eine sprachliche Angelegenheit.

Unterscheidet sich Wahlkampfsprache grundsätzlich von politischer Kommunikation im Alltag?

Im Grunde nicht. Die eigene Position aufzuwerten, die gegnerische abzuwerten und populäre Schlagwörter für das eigene Anliegen zu besetzen, all das gehört generell zur politischen Sprache. Aber: Wahlkämpfe sind, eben weil es in ihnen ja tatsächlich um die politische Existenz derjenigen geht, die sich um Ämter bewerben, natürlich stark zugespitzt. Sie sind eine Art Katalysator, der das alles intensiviert. Die Personalisierung von Politik etwa nimmt in modernen Mediendemokratien im Wahlkampf zu. Auch die notwendige Tendenz politischer Kommunikation zur Pointierung politischer Konzepte – im Wahlkampf passt alles in einen handlichen Slogan von wenigen Wörtern, so scheint es.

Im Wahlkampf passt alles in einen handlichen Slogan von wenigen Wörtern, so scheint es.

Welche Rolle spielen Emotionen bei der Wahlentscheidung?

Dass Emotionen im Wahlkampf seit jeher eine große Rolle spielen, ergibt sich weniger aus der Natur von Politik als aus der Natur des Menschen. Der Mensch ist kein rationales Wesen. Wir treffen fast alle Lebensentscheidungen irrational und unseren Affekten folgend: Welches Auto wir kaufen, wo wir Urlaub machen und wen wir heiraten – nichts davon entscheiden wir rational. Das gilt natürlich für die Wahlentscheidung erst recht, zumal uns in den einzelnen Politikfeldern in der Regel einfach das Fachwissen fehlt, um hier wirklich rational entscheiden zu können.

Wie lassen sich solche Gefühle sprachlich ansprechen?

Das lässt sich nicht so einfach steuern, wie das manchmal suggeriert wird, dazu ist der Mensch dann wiederum doch zu komplex. Aber bestimmte Hochwertwörter wie „Freiheit“, „Frieden“, „Gerechtigkeit“ sind natürlich schon gut geeignet, bestimmte Emotionen zu aktivieren. Das gilt auch für das Wort, „Heimat“, mit dem die Linke nicht von ungefähr im aktuellen Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt gezielt gegen die AfD antritt. Es gibt allerdings gar keinen Anlass, die Aktivierung von Emotionen per se kritisch zu betrachten. Überzeugung ohne Affekte ist undenkbar, das wusste die Rhetorik schon in der Antike. Problematisch wird es erst, wenn der Appell an die Emotionen bewusst auf Kosten von Fakten und Sachbezug geht. Die Rhetorik würde sagen: Ethos und Pathos sind notwendig, aber sie dürfen nicht zur Ausschaltung alles Logos führen. Genau das ist aber ein Kennzeichen des populistischen Modus politischer Kommunikation und der entsprechenden Wahlkampfsprache.

Warum sind Wörter wie „Sicherheit“ oder „Familie“ politisch so attraktiv?

Auch das sind natürlich gute Beispiele für die eben angesprochenen Hochwertwörter. Gerade ihr Potenzial, unterschiedlich interpretiert zu werden je nach Ideologie, macht sie zu solchen politischen Universalschlüsseln. Es geht um Wörter, die man sehr unterschiedlich verwenden kann, die aber immer etwas Positives und Wünschenswertes bezeichnen. Niemand schreibt auf seine Plakate „Wir sind gegen Sicherheit“, aber alle verstehen eben Unterschiedliches unter dem Versprechen von Sicherheit. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass diese Wörter über ihre affektive Konnotation hinaus in jedem Fall besonders wirkungsvoll sind. Es ist eher umgekehrt: Eben weil sie etwas per Definition Wünschenswertes bezeichnen, sind alle politischen Parteien gezwungen, dafür zu sorgen, dass die Menschen sie mit den eigenen Anliegen und Positionen verbinden. In der Politolinguistik spricht man hier von der Notwendigkeit, „Begriffe zu besetzen“.

Wie verändern soziale Medien die Sprache des Wahlkampfs?

Zunächst beeinflusst jedes Medium die Sprache, die in ihm möglich ist. Im Radio muss ein Fußballkommentator das Geschehen erzählen, im Fernsehen kann er stärker einordnen. In sozialen Medien wird Sprache von Bildern, Videos oder Musik überlagert und auf wenige Zeilen oder kaum 30 Sekunden reduziert. Darin sind Posts dem Wahlplakat gar nicht so unähnlich.

Was ist also die größte Veränderung?

Die Algorithmen von Social Media Apps sorgen dafür, dass Wahlkampfposts sehr präzise ganz bestimmten Zielgruppen zugespielt werden. Wenn das Erstwählende sind, dann wird man dafür eine ganz andere Sprache verwenden als bei der Ansprache von Menschen im Rentenalter. Das ist eine dramatische Veränderung von Wahlkampf. Zu dem gehörte nämlich traditionell immer auch, dass er die Wahlbevölkerung für eine bestimmte Zeit medial versammelt hat auf einer Art gemeinsamem öffentlichen Forum. Man konnte sich dadurch am Arbeitsplatz, im Verein oder in der Familie problemlos und auf gemeinsamer Basis über die Angebote der Parteien austauschen und diskutieren. Das ist für demokratische Gesellschaften wichtig, geht aber nun eben verloren.

Wann ist ein Wahlversprechen tatsächlich überprüfbar?

Überprüfbar wird es, wenn es konkret ist, also sich nicht auf Hochwertwörter beschränkt, sondern konkrete Maßnahmen benennt. Wenn es nicht „Bildungsgerechtigkeit“ verspricht, sondern zum Beispiel die Einführung bestimmter Formen von Kompensationsangeboten für Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern an bestimmten Schulen in einem bestimmten Umfang. Schaut man sich Wahlprogramme genauer an, finden sich da übrigens durchaus solche konkret formulierten Versprechen an der einen oder anderen Stelle. In der Frage klingt aber so ein bisschen ein weit verbreitetes Misstrauen durch, dass Parteien im Wahlkampf regelmäßig Dinge versprechen würden, die sie nicht halten wollen. Das ist ja in der Regel gar nicht der Fall. In Koalitionsregierungen, mit denen wir es ja meistens zu tun haben in Deutschland, kann eine Partei ihr Programm ja gar nicht eins zu eins umsetzen und oft ist das ja auch nicht so schlecht für die Bürgerinnen und Bürger. Koalitionen sind auch eine Form der demokratischen Gewaltenteilung, aber das ist keine im engeren Sinne linguistische Frage.

Viele Wählerinnen und Wähler haben trotzdem das Gefühl, Parteien hielten ihre Versprechen nicht.

Rein sprachwissenschaftlich betrachtet müsste ich das Problem sprechakttheoretisch auflösen: Das Wort „Wahlversprechen“, das wir alltagssprachlich und in den Medien so häufig benutzen, ist schlicht die falsche Zuschreibung der sprachlichen Handlung, die da vollzogen wird. Es handelt sich gar nicht um Versprechen, sondern eher um „Absichtserklärungen“. Wer weiß, wie parlamentarisches Regieren funktioniert und von einer Regierung außerdem erwartet, dass sie nach der Wahl nicht nur für die eigenen Wähler da ist und durchregiert, sondern das Landesinteresse berücksichtigt, der weiß das, wenn er wählt. Wenn Sie Ihrer Familie sagen, dass sie in den Urlaub an die Adria fahren wollen, alle anderen aber die Ostsee bevorzugen, dann werden sie sich vermutlich im Familienrat nicht durchsetzen und es wird der Bodensee. Demokratie ist mühsam.

Auf welche sprachlichen Signale sollten Wählerinnen und Wähler besonders achten?

Wir sind keine Marionetten von Wahlkampfstrategen, und die verfügen auch nicht über magische Kräfte. Von Wählerinnen und Wählern ist ein wenig gedankliche Mühe gefordert. Vorsicht ist immer dann geboten, wenn für schwierige Probleme erstaunlich einfache Antworten angeboten werden. Einem Autoverkäufer, der Ihnen sagt, dass es überhaupt kein Problem ist, den Luxuswagen zu kaufen, obwohl sie gar kein Geld haben, weil er ihnen ein tolles aufwandsloses Ratenmodell verspricht, sollten sie kein Auto abkaufen, gleich was er Ihnen vorrechnet. Das wissen Sie. Genau das aber hat leider in der politischen Kommunikation zugenommen und zwar in der typisch populistischen Spielart.

Woran zeigt sich diese Vereinfachung?

In der Verlagerung struktureller Probleme auf Gruppen von Individuen. Aus den großen Herausforderungen einer Migrationsgesellschaft werden da die Migranten als Problem, aus den Problemen des Schulsystems unfähige Lehrerinnen und Lehrer, aus den strukturellen Nachteilen Ostdeutschlands gegenüber Westdeutschland wahlweise arrogante Wessis oder faule Ossis. Das wäre also so ein sprachliches Signal, das einen dazu bringen sollte, das Kreuz an anderer Stelle zu machen. Dazu ist es zu wertvoll und Sie können sicher sein: Zu irgendeiner dieser vermeintlich schuldigen Gruppe gehören auch Sie selbst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Schlagworte: Fakultät für Humanwissenschaften, Prof. Kersten Roth, Forschung