Sachsen-Anhalt verliert Arbeitskräfte, während Unternehmen schon heute Personal suchen. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Andreas Knabe erklärt, warum qualifizierte Zuwanderung für das Land zur Standortfrage wird, weshalb internationale Studierende ein besonderes Potenzial sind und warum Willkommenskultur allein nicht reicht.
Herr Professor Knabe, wie ernst ist die demografische Lage für Sachsen-Anhalts Wirtschaft?
Sachsen-Anhalt steht vor einer besonderen Herausforderung: In den kommenden Jahren gehen deutlich mehr Menschen in den Ruhestand, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken. Nach der aktuellen Bevölkerungsprognose könnte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2040 um rund 272.000 sinken. Das entspricht etwa einem Fünftel des heutigen Arbeitskräftepotenzials.
Selbst wenn wir das vorhandene Potenzial im Inland besser nutzen – etwa durch eine höhere Erwerbsbeteiligung oder längere Erwerbstätigkeit –, wird das den Rückgang voraussichtlich nicht vollständig ausgleichen. Zuwanderung kann deshalb ein wichtiger Baustein sein, um den Fachkräftebedarf zu decken und wirtschaftliche Dynamik zu erhalten.
Was bedeutet das heute schon ganz konkret?
Das lässt sich an den Beschäftigtenzahlen ablesen. Zwischen 2024 und 2025 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit deutscher Staatsbürgerschaft in Sachsen-Anhalt um 10.500 gesunken. Gleichzeitig kamen etwa 5.500 ausländische Beschäftigte hinzu. Ohne Zuwanderung wäre der Beschäftigungsrückgang also mehr als doppelt so hoch ausgefallen.
Aber Zuwanderung ist kein Allheilmittel. Sie hilft vor allem dann, wenn Menschen relativ schnell produktiv am Arbeitsmarkt eingesetzt werden können. Tendenziell ungünstiger oder sogar negativ fällt die Bilanz dagegen aus, wenn die Arbeitsmarktintegration lange dauert oder dauerhaft nur eine geringe Produktivität und niedrige Einkommen erreicht werden. Entscheidend ist deshalb, qualifizierte Zuwanderinnen und Zuwanderer zu gewinnen, sie zügig zu integrieren und langfristig im Land zu halten.
Wo zeigt sich der Fachkräftemangel besonders?
Vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich, in technischen und industriellen Berufen sowie im Bau und Handwerk. Engpässe gibt es außerdem in der Gastronomie, in Teilen der Logistik und der IT sowie in Sozialarbeit und Erziehung. Die Bundesagentur für Arbeit weist für 2025 insgesamt 22 Berufsgruppen mit Engpässen in Sachsen-Anhalt aus. Der Mangel betrifft also nicht nur akademische Spitzenberufe, sondern reicht vom Ausbildungsberuf bis zur hoch qualifizierten Expertentätigkeit.
Welche Rolle spielen Hochschulen bei der Fachkräftesicherung?
Ihre sichtbarste Aufgabe ist es, qualifizierte Absolventinnen und Absolventen auszubilden. Für Sachsen-Anhalt zählt aber nicht nur, wie viele Menschen hier studieren, sondern auch, wie viele anschließend eine berufliche Perspektive im Land finden.
Dazu kommen wissenschaftliche Weiterbildung, Forschung, Wissenstransfer und Ausgründungen. Hochschulen helfen Unternehmen, neue Technologien und Verfahren zu entwickeln. Aus Forschungsergebnissen können neue Unternehmen entstehen, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Und über Praktika, Abschlussarbeiten oder Karrieremessen bringen Hochschulen Studierende und regionale Arbeitgeber früh zusammen.
Hochschulen können das allerdings nicht allein leisten. Wer Absolventinnen und Absolventen halten will, braucht attraktive Arbeitsplätze, Entwicklungsmöglichkeiten und ein Umfeld, in dem Menschen mit ihren Familien gern leben.
Internationale Studierende gelten als besonders großes Potenzial. Was entscheidet darüber, ob sie bleiben?
Vor allem die Frage, ob sie hier eine attraktive berufliche und persönliche Perspektive sehen. Rund zwei Drittel der internationalen Studierenden möchten nach dem Abschluss wahrscheinlich oder sicher in Deutschland bleiben, zeigt eine aktuelle DAAD-Studie. Von ihnen kann sich etwa die Hälfte vorstellen, in dem Bundesland zu bleiben, in dem sie studiert hat. Das regionale Potenzial ist also erheblich.
Von den internationalen Studierenden kann sich etwa die Hälfte vorstellen, in dem Bundesland zu bleiben, in dem sie studiert hat. Das regionale Potenzial ist also erheblich.
Besonders wichtig sind frühzeitige Kontakte zum Arbeitsmarkt: fachbezogene Praktika, Werkstudententätigkeiten oder Abschlussarbeiten in Unternehmen. So entstehen Praxiserfahrung und berufliche Netzwerke. Fachfremde Nebenjobs helfen dabei deutlich weniger.
Gute Deutschkenntnisse erweitern ebenfalls die Chancen, gerade in Sachsen-Anhalt mit seinen vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Und schließlich zählen Freundschaften, Partnerschaften, soziale Netzwerke, Lebensqualität und das Gefühl, willkommen zu sein. Internationale Absolventinnen und Absolventen sind mobil. Sie können sich aussuchen, wo sie leben und arbeiten.
Warum ist der Schritt vom Studium in den regionalen Arbeitsmarkt trotzdem oft schwierig?
Häufig fehlen fachbezogene Praxiserfahrungen, Kenntnisse über Bewerbungsverfahren und Kontakte zu Arbeitgebern. Dazu kommen Sprachbarrieren. Bei sehr gefragten Qualifikationen machen Unternehmen mitunter Abstriche, aber für einen breiten Zugang zum Arbeitsmarkt bleiben gute Deutschkenntnisse wichtig.
Ein weiteres Problem sind langsame Verwaltungsverfahren und Unsicherheiten beim Aufenthaltsstatus. Eine aktuelle DAAD-Studie zeigt: Nur rund ein Drittel der internationalen Studierenden erlebt die Bearbeitung durch Ausländerbehörden als zügig. Solche Verzögerungen erschweren den Berufseinstieg und verunsichern auch Arbeitgeber. Hinzu kommt, dass manche Unternehmen in Sachsen-Anhalt noch wenig Erfahrung mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern haben. Es braucht deshalb auf beiden Seiten mehr Information, frühere Kontakte und eine engere Begleitung.
Was kann ein Angebot wie das Karrierezertifikat der Uni Magdeburg leisten?
Das Karrierezertifikat ist aus meiner Sicht eine sehr gute Sache, weil es genau an der entscheidenden Schnittstelle zwischen Studium und regionalem Arbeitsmarkt ansetzt. Es vermittelt Wissen über Bewerbungsverfahren und berufliche Anforderungen, verbindet Sprachförderung mit Unternehmenskontakten und kann so konkrete Perspektiven in Sachsen-Anhalt eröffnen.
Solche Angebote sollten möglichst früh im Studium beginnen. Hochschulen können damit wichtige Brücken bauen. Dauerhaft bleiben internationale Talente aber nur, wenn sie nicht nur irgendeine Stelle finden, sondern gute Entwicklungsmöglichkeiten und attraktive Lebensbedingungen.
Was passiert, wenn das politische Klima internationale Studierende und Fachkräfte verunsichert?
Dann erschwert Sachsen-Anhalt genau jene Zuwanderung, die helfen könnte, den demografischen Rückgang abzufedern. Internationale Studierende, Forschende und Fachkräfte sind häufig sehr mobil. Wenn sie sich nicht willkommen oder nicht sicher fühlen, entscheiden sie sich gegen das Land oder gehen wieder.
Für die Hochschulen wird es schwieriger, Studierende und hervorragende Forschende zu gewinnen. Der Wirtschaft gehen potenzielle Fachkräfte, Gründerinnen und Gründer sowie internationale Kontakte verloren. Ein weltoffenes politisches und gesellschaftliches Klima ist deshalb nicht nur eine Frage des Zusammenlebens. Es ist ein Standortfaktor.
Welche Bedeutung haben Hochschulen darüber hinaus für Gründungen und Unternehmensansiedlungen?
An Hochschulen kommen neues Wissen, innovative Ideen und hoch qualifizierte Menschen zusammen. Dazu kommen Labore, wissenschaftliche Beratung und ein Umfeld, in dem sich Ideen testen und Geschäftsmodelle schärfen lassen. Ausgründungen sind häufig wissens- und technologieintensiv. Sie schaffen qualifizierte Arbeitsplätze und können Forschungsergebnisse sowie gut ausgebildete Menschen im Land halten.
Auch die internationale Sichtbarkeit einer Hochschule kann für Unternehmensansiedlungen wichtig sein. Für wissensintensive Unternehmen wird eine Region attraktiver, wenn sie dort leistungsfähige Forschung, qualifizierte Fachkräfte und potenzielle Kooperationspartner vorfinden. Hochschulen können damit Teil eines regionalen Innovationsumfelds sein, das Gründungen erleichtert und Ansiedlungen begünstigt. Für den langfristigen Erfolg braucht es allerdings auch Kapital und ein politisches Umfeld, das nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen des Wandels sieht.
Wie entsteht am Ende eine echte Willkommensstruktur?
Eine Willkommenskultur kann weder von Hochschulen allein geschaffen noch politisch verordnet werden. Sie entsteht, wenn Zugewanderte und Einheimische bereit sind, sich füreinander zu öffnen, und beide darin langfristige Vorteile erkennen.
Hochschulen müssen motivierte Menschen gewinnen, qualifizieren und auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Die Politik muss schnelle, transparente und verlässliche Verwaltungsverfahren schaffen. Unternehmen müssen Praxiserfahrungen ermöglichen und bereit sein, internationale Bewerberinnen und Bewerber in ihre Betriebe zu integrieren.
Gleichzeitig sollte man Vorbehalte in Teilen der Bevölkerung nicht ignorieren. Hochschulen und Wirtschaft müssen klar zeigen, dass die gezielte Einwanderung qualifizierter Menschen auch der einheimischen Bevölkerung zugutekommt: Sie verringert Fachkräfteengpässe, hält Unternehmen und öffentliche Dienstleistungen funktionsfähig und hilft, wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern. Offenheit liegt deshalb nicht zuletzt im eigenen Interesse der einheimischen Bevölkerung.