Abschlussveranstaltung der Summer School im Wissenschaftshafen (c) Benjamin Güllmar

Der Wissenschaftshafen neu gedacht

Freie Flächen, alte Industriegebäude und viel Raum für neue Ideen: Der Magdeburger Wissenschaftshafen befindet sich noch immer im Wandel. Gleichzeitig gehört das Areal zur Otto-von-Guericke-Universität, auch wenn es von vielen Studierenden bislang kaum als Teil des eigenen Campus wahrgenommen wird. Wie könnte dieser Ort in Zukunft aussehen? Wo könnten Menschen arbeiten, sich begegnen oder gemeinsam ihre Freizeit verbringen? Und wie können Studierende selbst bei der Entwicklung des Wissenschaftshafens mitwirken?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich im August 2026 knapp 60 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen bei der internationalen Summer School URBAN UTOPIA. Die Teilnehmenden aus 8 EU GREEN Partneruniversitäten kamen dafür nach Magdeburg und entwickelten gemeinsam Konzepte für die zukünftige Nutzung des Wissenschaftshafens. „Ich wollte etwas erschaffen, das interdisziplinär und transdisziplinär ist und Möglichkeiten bietet, dass Studierende ihre Visionen, Ideen und Meinungen einbringen können“, erklärt Jana Richter. Sie ist Leiterin der Medienwerkstatt der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und organisierte die Summer School. „Ich hatte die Idee akademische Lehre und kreative Workshops zusammenzubringen und so fachübergreifend zum Thema Nachhaltigkeit zu arbeiten.“

Die Zusammensetzung der Seminar- und Workshopgruppen war dabei bewusst interdisziplinär angelegt. Vertreten waren unter anderem Architektur, Industriedesign, Informatik, Umweltwissenschaften, Medienbildung, Cultural Engineering, Peace and Conflict Studies sowie International Business and Economics. „Die Studiengänge waren vielfältig und das war auch die Idee hinter URBAN UTOPIA“, erklärt die Organisatorin. „Viele verschiedene Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen sollten sich im Programm wiederfinden und gemeinsam arbeiten.“

Portrait Jana Richter (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg
Jana Richter ist Leiterin der Medienwerkstatt der Uni Magdeburg und organisierte die Summer School. (Foto: Jana Dünnhaupt/Uni Magdeburg)

Auch international war die Summer School breit aufgestellt. Die Teilnehmenden kamen von acht Universitäten der Hochschulallianz EU GREEN: aus Deutschland, Portugal, Schweden, Irland, Polen, Rumänien, Italien und Frankreich. Da an den Partneruniversitäten ebenfalls viele internationale Studierende eingeschrieben sind, kamen noch weitere Herkunftsländer hinzu. „Wenn ich richtig gezählt habe, hatten wir tatsächlich 25 Nationalitäten“, berichtet Jana Richter.

Hinter dem vollständigen Titel „Cities in the Making – Co-Creating Cultural Spaces“ steckt vor allem die Idee, Menschen stärker an der Gestaltung ihrer eigenen Umgebung zu beteiligen. „Städte werden oft von Stadtplanern entwickelt oder weiterentwickelt, obwohl es eigentlich die Menschen sind, die in der Stadt wohnen“, erläutert die Initiatorin des Projekts. „Da fragten wir uns, ob auch die Studierenden oder die Bürgerinnen und Bürger von Magdeburg die Stadt mitgestalten können.“

Als konkreten Ort nahm das Projekt den Wissenschaftshafen in den Blick. Ausschlaggebend war dabei vor allem das Potenzial des Areals, das sich noch in der Entwicklung befindet. „Im Wissenschaftshafen gibt es noch viele ungenutzte Flächen und Räume“, erklärt Jana Richter. „Genau darin liegt die Chance, neue Ideen auszuprobieren und gemeinsam zu überlegen, wie dieser Ort künftig genutzt und weiterentwickelt werden kann.“

Unterstützt wurde das Projekt unter anderem durch die europäische Hochschulallianz EU GREEN sowie durch transPORT, ein Forschungs- und Transferprojekt zur Entwicklung des Wissenschaftshafens, und dessen Werkstatt transSCAPE „Kulturelle Räume des Wissens“. Während EU GREEN vor allem den Kontakt zu den internationalen Partneruniversitäten ermöglichte, brachte transSCAPE Erfahrungen mit kultureller Raumgestaltung und der Zwischennutzung von Flächen im Wissenschaftshafen ein. „transSCAPE wusste schon, wen man ansprechen muss und welche Anträge bei der Stadt gestellt werden müssen, damit wir dort überhaupt arbeiten und etwas aufbauen dürfen“, erläutert die Initiatorin des Projektes.

URBAN UTOPIA fand als sogenanntes Blended Intensive Programme, kurz BIP, im Rahmen von Erasmus+ statt. Deshalb begann die Zusammenarbeit bereits vor dem Aufenthalt in Magdeburg mit einer Onlinephase. Dort lernten sich die Teilnehmenden und Dozierenden kennen, wählten ihre Seminare und Workshops und beschäftigten sich erstmals mit den jeweiligen Themen. „Die Aufgabe des virtuellen Teils war es außerdem, Befragungsstationen vorzubereiten, um die Meinungen und Ideen der Magdeburgerinnen und Magdeburger in die Seminare der Summer School einbeziehen zu können“, erklärt Jana Richter.

Während der Präsenzphase arbeiteten die Studierenden anschließend täglich in zwei verschiedenen Formaten. „Von 9 bis 13 Uhr hatten sie das Seminar, das sie gewählt hatten, und von 14 bis 18 Uhr den jeweiligen Workshop“, berichtet die Organisatorin. „Am Vormittag stand dabei die wissenschaftliche Arbeit im Mittelpunkt, während am Nachmittag kreativ gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, Musik produziert, Theater oder Sport gemacht wurde.“

Den Auftakt bildete am 9. August die Veranstaltung „Family First“. Bei einer Schnitzeljagd lernten die internationalen Studierenden zunächst den Wissenschaftshafen und einander besser kennen. Dafür wurden bewusst Gruppen mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen Ländern zusammengestellt. „Es war eine Teambuilding-Maßnahme“, erklärt Jana Richter. „Uns war wichtig, dass die Studierenden von Anfang an mit Menschen aus verschiedenen Ländern in Kontakt kommen und gemeinsam Aufgaben lösen.“

Gleichzeitig führte die Schnitzeljagd durch den Wissenschaftshafen. Die Teilnehmenden sollten den Ort zunächst kennenlernen, bevor sie eigene Entwürfe für ihn entwickelten. An den zuvor vorbereiteten Befragungsstationen konnten zudem Magdeburgerinnen und Magdeburger ihre Wünsche einbringen. „Was fehlt im Wissenschaftshafen? Wie könnte man Regenwasser nutzen? Was braucht es um im Grünen zu arbeiten?“, beschreibt die Organisatorin die Fragestellungen. „Beim geplanten Outdoor-Büro geht es beispielsweise darum, ob den Befragten Strom, Schatten oder Grün besonders wichtig sind.“

Ideen von Studierenden für den Wissenschaftshafen (c) Benjamin Güllmar
Studierende haben im August ihre Ideen für den Wissenschaftshafen vorgestellt. (Foto: Benjamin Güllmar)

Aus den Antworten der Magdeburger Bürgerinnen und Bürger entstanden während der Summer School ganz unterschiedliche Ideen. Ein Beispiel ist der Science Port Playground. Drei Studentinnen entwickelten dafür einen Spiel- und Begegnungsort, der bewusst die industrielle Geschichte des Wissenschaftshafens aufgreift. Zentrales Element des Entwurfs ist ein Spielgerät in Form eines Hafenkrans, das Klettern, Rutschen und Schaukeln miteinander verbindet. Kleinere Spielelemente sowie Sitzgelegenheiten, Hängematten und Spieltische sollen dafür sorgen, dass der Ort nicht ausschließlich für Kinder, sondern als Treffpunkt für unterschiedliche Altersgruppen funktioniert.                                     

Einen anderen Ansatz verfolgte der Entwurf „Be Young and Free“. Dafür nahmen die Studierenden das Areal des Freilicht-Eisenbahnmuseums in den Blick und überlegten, wie dort ein Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene entstehen könnte. Vorgesehen waren unter anderem Sitzmöglichkeiten, ein Grillplatz, überdachte Bereiche, ein Graffiti-Gebäude, Sanitäranlagen und ein Aussichtspunkt zur Naturbeobachtung. Gleichzeitig sollten vorhandene Züge und Gebäude eingebunden werden, um die Geschichte des Wissenschaftshafens zu erhalten.

Auch ein Skatepark gehörte zu den vorgestellten Zukunftsentwürfen. Dabei sollte nicht lediglich eine Fläche für Skater entstehen, sondern ein neuer Treffpunkt für Jugendliche, Studierende, Anwohner und Besucher. Das zentrale Element des Entwurfs bildet ein etwa 50 Meter langes, schiffsförmiges Skateareal, das an die maritime Vergangenheit des Hafens erinnern soll. Sitzplätze, Schattenflächen, Wasser, Musikbereiche und gastronomische Angebote ergänzen das Konzept. Ein zweigeschossiger Bereich am hinteren Ende des „Schiffes“ könnte zusätzlich Schutz vor Sonne und Regen bieten und für Konzerte oder andere Veranstaltungen genutzt werden.

Ideen von Studierenden für den Wissenschaftshafen (c) Benjamin Güllmar
Eine Idee war zum Beispiel ein Skatepark als Schiff. (Foto: Benjamin Güllmar)

Daneben beschäftigten sich weitere Gruppen beispielsweise mit dem Wassermanagement im Wissenschaftshafen, der Nutzung des Areals durch Familien oder mit der Frage, wie der Ort in 20 oder 30 Jahren aussehen könnte. „Beim Wassermanagement sind zum Beispiel zwei Modelle entstanden, wie Wasser gespart und verteilt werden kann“, berichtet Jana Richter. Im Seminar „Menschenrechte im Sport“ entwickelten die Teilnehmenden neue Spielideen. „Es geht eben nicht darum, in Wettbewerb zu treten, sondern gemeinschaftlich etwas zu schaffen.“

Ein Projekt blieb dabei nicht nur Entwurf oder Modell. Auf dem Sandtorplatz entstand während der Summer School tatsächlich ein Outdoor-Büro. „Das ist ein Ort, wo man arbeiten und brainstormen kann, nicht nur alleine, sondern auch in Gruppen“, erklärt die Organisatorin. „Man kann dort aber auch Präsentationen, Lesungen oder Konzerte veranstalten, sein Mittagessen im Grünen genießen oder Tischtennis spielen.“

Die einzelnen Bestandteile lassen sich je nach Nutzung unterschiedlich anordnen. Dadurch soll aus dem Arbeitsplatz zugleich ein Treffpunkt werden. „Das Outdoor-Büro ist nicht nur ein Büro, sondern ein Treffpunkt, wo man gerne hingeht“, beschreibt die Projektinitiatorin. „Man kann dort frische Luft atmen oder einfach den Kopf freikriegen.“

Am 19. August wurden die entstandenen Ergebnisse schließlich beim Festival AHOI ZUKUNFTSHAFEN auf dem Sandtorplatz öffentlich vorgestellt. Den Auftakt bildete die Einweihung des Outdoor-Büros. Anschließend präsentierten die einzelnen Seminargruppen ihre Projekte, Modelle und Zukunftsentwürfe.

Auch die kreativen Workshops stellten ihre Ergebnisse vor. Zu sehen und hören waren unter anderem Linolschnitte, Theater, Creative Writing und während der Summer School produzierte Musik. „Bei der Linolschnitt-Ausstellung war die Idee, „Kunst zum Mitnehmen anzubieten“, so konnten Personen vor Ort  Bilder, die ihnen gefielen, einfach mit nach Hause nehmen“, erinnert sich Jana Richter.

Linolschnitte von Studierenden (c) Benjamin Güllmar
Linolschnitte wurde ebenfalls ausgestellt. (Foto: Benjamin Güllmar)

Die öffentliche Präsentation war dabei ein fester Bestandteil des Konzepts. „Wichtig war, dass Ergebnisse gezeigt werden und nicht einfach in der Schublade verschwinden“, erklärt die Organisatorin des Projekts. „Jeder sollte das, was er erarbeitet hat, einmal präsentieren, vorstellen, Fragen dazu beantworten und sich so der Öffentlichkeit stellen.“

Auch nach dem Ende von URBAN UTOPIA sollen die Ergebnisse deshalb sichtbar bleiben. Die Modelle und Ideen werden in einer Dokumentation und einem Buch zusammengefasst. Einige Arbeiten sollen außerdem noch einmal in der Universitätsbibliothek ausgestellt werden. Ob einzelne Zukunftsentwürfe tatsächlich später im Wissenschaftshafen umgesetzt werden, ist bislang offen.

Das Outdoor-Büro bildet dabei eine Ausnahme. Es bleibt auch nach dem Projekt auf dem Sandtorplatz bestehen und kann von Studierenden, Mitarbeitenden sowie Magdeburgerinnen und Magdeburgern genutzt werden. Für Jana Richter ist genau das ein besonderer Wert des Projekts. „Das Outdoor-Büro ist nicht nur eine Idee geblieben, sondern tatsächlich entstanden“, betont sie. „Ich würde mich freuen, wenn der Ort künftig von vielen Menschen genutzt, weiterentwickelt und mit neuen Ideen gefüllt wird.“

Neben den entstandenen Projekten ist der Organisatorin vor allem die Zusammenarbeit der internationalen Gruppe in Erinnerung geblieben. Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen und Herkunft arbeiteten gemeinsam an ihren Vorstellungen für den Wissenschaftshafen. „Die Welt und Europa nach Magdeburg zu bringen, empfinde ich als unglaublich wertvoll“, so Jana Richter abschließend. „Dass dieses Zusammenwachsen von so vielen Menschen in nur einer Woche, so gut funktioniert, finde ich erstaunlich.“


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Schlagworte: Kooperationen, international, Studierendenleben, Studentische Projekte, EU Green