Anne Herbik und der Rektor vor dem EU GREEN Logo (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg

Europa beginnt auf dem Campus

Europäische Hochschulallianzen gelten als ambitionierte Projekte der europäischen Bildungspolitik. Sie sollen Hochschulen enger miteinander vernetzen, gemeinsame Studienangebote entwickeln und Forschung über Ländergrenzen hinweg stärken. Gleichzeitig gewinnt der Austausch mit der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung – als Brücke zwischen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit.

Seit drei Jahren ist die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Teil der Allianz EU GREEN. Was sich seitdem verändert hat, welche Chancen sich eröffnen und warum ein europäischer Campus nicht über Nacht entsteht, erläutern Rektor Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan und EU GREEN-Koordinatorin Dr. Anne Herbik.

Warum braucht eine Universität heute ein so enges europäisches Netzwerk?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Wir verstehen uns als internationale Universität. Gleichzeitig erleben wir derzeit weltpolitische Entwicklungen, die Europa enger zusammenrücken lassen. Gerade in Wissenschaft und Forschung sehen wir, dass Europa in wichtigen Zukunftsfeldern gegenüber den USA und China an Boden verliert. Umso wichtiger ist es, Kompetenzen zu bündeln und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Dynamische Themen wie Datenschutz, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz lassen sich nicht mehr allein aus nationaler Perspektive betrachten. Dafür brauchen wir starke europäische Netzwerke – und genau dafür bietet EU GREEN die richtige Plattform.

Was macht eine Hochschulallianz besser als klassische internationale Kooperationen?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Eine Allianz schafft Verbindlichkeit. Sie erzeugt Mobilität – nicht nur bei Studierenden, sondern auch bei Lehrenden, Forschenden und den Verwaltungen. Dass beispielsweise Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen einer Partneruniversität gemeinsam nach Magdeburg kommen, wäre früher kaum denkbar gewesen. Vor allem aber können wir unser Studienangebot gemeinsam weiterentwickeln. Manche hochspezialisierten Studiengänge ließen sich an einer einzelnen Universität kaum realisieren. In einer Allianz bündeln wir Expertise aus mehreren Ländern. So entstehen Studienprogramme mit einem echten europäischen Mehrwert.

Woran merkt man heute bereits, dass EU GREEN im Alltag angekommen ist?

Dr. Anne Herbik: Ehrlicherweise ist EU GREEN noch nicht vollständig im Universitätsalltag angekommen. Das ist aber völlig normal. Wir entwickeln uns zu einem europäischen Campus – ein solcher Veränderungsprozess braucht Zeit. Gleichzeitig sehen wir bereits deutliche Fortschritte. Die Mobilität zwischen den Partneruniversitäten nimmt spürbar zu. Studierende, Lehrende und Mitarbeitende interessieren sich zunehmend für Aufenthalte an den anderen Hochschulen. Auch in der Forschung wächst das Interesse an gemeinsamen Projekten.

Ein wichtiger Meilenstein war für uns das Board of Rectors in Magdeburg in diesem Jahr, bei dem die Rektorinnen und Rektoren aller Partneruniversitäten zusammengekommen sind. Zugleich hatten wir Mitarbeitende aus der Verwaltung der französischen Universität in Angers bei uns zu Gast. Genau darum geht es: nicht nur Forschung und Lehre miteinander zu vernetzen, sondern auch die administrativen Bereiche. So entstehen gemeinsame Projekte und langfristige Strukturen. Wir merken außerdem, dass sich der Austausch in beide Richtungen entwickelt. Immer häufiger fragen unsere Partneruniversitäten nach Erfahrungen oder Unterstützung. Das zeigt, dass sich die Allianz Schritt für Schritt im Alltag etabliert.

Welche Rolle spielt EU GREEN inzwischen für die strategische Entwicklung der Universität?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Eine sehr große. In unserer neuen Hochschulentwicklungsplanung bis 2030 ist EU GREEN fest verankert. Die Uni Magdeburg will sich als regional verwurzelte, europäisch vernetzte und international sichtbare Netzwerkuniversität weiterentwickeln. Forschung, Studium, Transfer und Verwaltung sollen noch stärker gemeinsam gedacht werden.

Gab es diesen Netzwerkgedanken nicht auch schon vorher?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Natürlich. Internationale Kooperationen gehören seit Langem zu einer modernen Universität. Heute müssen wir sie jedoch in eine neue Dimension überführen. Der Wettbewerb um die besten Köpfe, Ideen und Fördermittel wird intensiver. Deshalb müssen wir unsere Stärken gezielt bündeln und dort investieren, wo wir wissenschaftlich besonders leistungsfähig sind und zugleich einen hohen Nutzen für die Region schaffen. EU GREEN hilft uns dabei, weil die Allianz bereits gemeinsame Strukturen und Regeln mitbringt. Das passt hervorragend zu unserer strategischen Ausrichtung.

Welche Bedeutung hat das auch mit Blick auf die nächste Exzellenzstrategie?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Bis Ende 2027 wollen wir die Entwicklungslinien für die nächste Runde der Exzellenzstrategie festlegen. Dafür sollen vorhandene Kompetenzen stärker zusammengeführt werden – etwa in einem fakultätsübergreifenden KI-Zentrum mit gemeinsamer technischer und methodischer Infrastruktur. Außerdem denken wir über einen Pool von Strukturstellen nach, um herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler frühzeitig zu gewinnen und neue Forschungsfelder schneller aufzubauen. Solche Vorhaben profitieren erheblich von starken internationalen Netzwerken wie EU GREEN.

Dr. Anne Herbik: Gerade für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eröffnet das neue Möglichkeiten. Wer früh internationale Kontakte knüpft und gemeinsam Projekte entwickelt, hat oft bessere Voraussetzungen, später erfolgreich Drittmittel einzuwerben.

Wie weit ist Europa inzwischen auf dem Campus angekommen – und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Dr. Anne Herbik: Europa kommt Schritt für Schritt auf dem Campus an. Besonders deutlich merken wir das bei den Verwaltungsprozessen und der Zusammenarbeit mit den Partneruniversitäten. Immer häufiger schauen wir uns an, wie andere Hochschulen Herausforderungen lösen, und übernehmen gute Ideen. Wir schauen derzeit sehr genau darauf, wie weit andere europäische Hochschulallianzen sind, welche Lösungen sie entwickelt haben und was sich auf unsere Universität übertragen lässt. Umgekehrt interessieren sich die Partner aber ebenso für unsere Ansätze. Gerade dieser intensive Austausch innerhalb der inzwischen 73 Allianzen ist ein großer Gewinn: Hochschulen lernen voneinander, teilen Erfahrungen und entwickeln gemeinsam neue Ideen. Das gab es bisher noch nicht in dieser Ausprägung und vor allem in dieser Quantität. Wenn Studierende beispielsweise an einer anderen Allianz oder Hochschule mit einem einzigen digitalen Prozess alle notwendigen Schritte erledigen können, sollten wir uns fragen, was wir davon übernehmen können – und zugleich den Mut haben, an geeigneten Stellen selbst neue, experimentelle Wege zu gehen.

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Diese Entwicklung brauchen wir auch, um im Wettbewerb um internationale Studierende bestehen zu können. Derzeit stammen nur rund sechs Prozent unserer internationalen Studierenden aus der EU. Diesen Anteil möchten wir deutlich erhöhen. Gerade angesichts der demografischen Entwicklung stehen wir europaweit in einem intensiven Wettbewerb um junge Talente. Deshalb müssen wir attraktive Studienbedingungen schaffen und zugleich Prozesse vereinfachen. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern auch um die Frage, wie wir zusammenarbeiten, kommunizieren und unsere Strukturen weiterentwickeln.

Sie müssen das Rad also nicht jedes Mal neu erfinden?

Dr. Anne Herbik: Genau das. Dafür sind europäische Hochschulallianzen da. Wenn eine Partneruniversität bereits eine gute Lösung entwickelt hat, sollten wir diese nutzen, statt alles neu aufzubauen. Diese Synergien sind ausdrücklich gewollt und bringen uns enorm weiter.

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Hinzu kommt, dass sich Lösungen innerhalb Europas oft leichter übertragen lassen. Unsere Hochschulsysteme unterscheiden sich zwar in Details, beruhen aber auf vergleichbaren Werten und Rahmenbedingungen. Das erleichtert den Austausch deutlich stärker als Kooperationen mit Hochschulen auf anderen Kontinenten.

Neun Universitäten aus verschiedenen Ländern arbeiten in EU GREEN zusammen. Wo liegen die größten Herausforderungen?

Dr. Anne Herbik: Technisch ist vieles längst möglich – entscheidend sind häufig rechtliche Vorgaben oder organisatorische Prozesse. Deshalb müssen wir immer wieder gemeinsam entscheiden: Welche Strukturen schaffen wir zusammen und welche Bereiche bleiben an den einzelnen Universitäten?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Transformation braucht Zeit. Gemeinsame Regeln entstehen nicht über Nacht. Vertrauen wächst mit der Zusammenarbeit. Erst wenn sich Strukturen eingespielt haben, können Partnerschaften ihr volles Potenzial entfalten.

Gab es einen Moment, an dem Sie gedacht haben: Jetzt funktioniert diese europäische Zusammenarbeit wirklich?

Dr. Anne Herbik: Ich war von Anfang an überzeugt, dass eine Allianz wie EU GREEN sinnvoll ist. Ein Schlüsselerlebnis war für mich das Treffen des Board of Rectors hier in Magdeburg. In diesen Tagen war deutlich zu spüren, dass sich nicht mehr nur Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Universitäten begegnen, sondern Menschen, die sich kennen und gemeinsam an einer Idee arbeiten.

Wenn wir so ein Gespräch in zwei Jahren noch einmal führen würden – woran würden Sie erkennen, dass EU GREEN den nächsten Entwicklungsschritt geschafft hat?

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan: Daran, dass deutlich mehr Studierende innerhalb der Allianz mobil sind und selbstverständlich einen Teil ihres Studiums an einer Partneruniversität absolvieren. Ich wünsche mir, dass gemeinsame Studienprogramme etabliert sind und im Hochschulalltag ganz selbstverständlich genutzt werden. Besonders wichtig wäre mir, dass auch unsere internationalen Studierenden diese Möglichkeiten stärker wahrnehmen. Viele von ihnen haben bereits einen großen Schritt gemacht und sind zum Studium nach Magdeburg gekommen. Ihnen innerhalb Europas weitere Perspektiven zu eröffnen, wäre ein großer Gewinn. Auch in der Forschung wünsche ich mir, dass wir noch erfolgreicher gemeinsam europäische Fördermittel einwerben und neue wissenschaftliche Netzwerke aufbauen.

Dr. Anne Herbik: Für mich wäre der wichtigste Schritt, dass EU GREEN nicht mehr als Projekt wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Teil unseres Universitätsalltags. Dann gäbe es nicht mehr nur einzelne Pilotprojekte, sondern dauerhaft funktionierende gemeinsame Strukturen – in Studium, Forschung und Verwaltung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über EU GREEN

Was ist EU GREEN?

EU GREEN (European University Alliance for Sustainability: Responsible Growth, Inclusive Education and Environment) ist eine 2023 gegründete europäische Hochschulallianz. Ihr gehören neun mittelgroße Universitäten aus Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien und Schweden an. Gemeinsam vereinen sie rund 157.000 Studierende und 13.900 Beschäftigte.

Das Ziel

Die Partner entwickeln einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum. Studium, Forschung und Lehre sollen stärker über Ländergrenzen hinweg zusammenwachsen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Klimawandel und gesellschaftliche Transformation.

Schlagworte: Campus, EU Green