Portrait Dr. Christiane Desaive (c) Jana Dünnhaupt/Uni Magdeburg

Warum gute Schule mehr braucht als guten Unterricht

Was brauchen Kinder, um mit Freude zu lernen und gesund aufzuwachsen? Mehr als gute Noten und volle Stundenpläne, sagt die Magdeburger Sportpädagogin Dr. Christiane Desaive. Sie will Schulen, Kitas und Universitäten enger zusammenbringen und zeigt mit Projekten in Sachsen-Anhalt, wie aus neuen Ideen gelebter Bildungsalltag werden kann.

Wer an Schule denkt, hat meist Klassenzimmer, Schulbücher und Prüfungen vor Augen. Doch was passiert, wenn ein Kind morgens mit Bauchschmerzen in die Schule kommt? Wenn es sich in seiner Klasse nicht wohlfühlt oder Angst hat, Fehler zu machen? Dann hilft auch der beste Unterricht nur wenig.

Für Dr. Christiane Desaive von der Universität Magdeburg steht deshalb fest: Gute Bildung beginnt nicht allein im Kopf. Sie braucht auch körperliche und psychische Gesundheit, Vertrauen und Menschen, die einander zuhören.

„Ohne körperliche und psychische Stabilität kann Lernen nicht gelingen“, sagt die Sportpädagogin, die im Bereich Sportwissenschaft angehende Sportlehrkräfte ausbildet. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Schulen zu Orten werden können, an denen Kinder nicht nur Wissen erwerben, sondern sich auch wohlfühlen und ihre Stärken entdecken.

Dabei nimmt sie nicht nur die Schülerinnen und Schüler in den Blick. Auch Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte brauchen gute Bedingungen, um ihre Arbeit machen zu können. Und vor allem braucht es tragfähige Beziehungen. Denn wer sich gesehen, verstanden und ernst genommen fühlt, lernt leichter.

Doch dafür, ist Desaive überzeugt, muss sich auch das Bildungssystem verändern. Noch immer arbeiten Kitas, Schulen, Hochschulen und andere Einrichtungen häufig nebeneinanderher. Jede für sich, obwohl sie oft vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

„Wir müssen Bildung stärker gemeinsam denken“, fordert sie. Wie das funktionieren kann, zeigt sich bereits an mehreren Orten in Sachsen-Anhalt.

Wenn ältere Schüler zu Wegbegleitern werden

Ein Schulwechsel kann sich für Kinder wie ein Sprung ins kalte Wasser anfühlen. Neue Räume, unbekannte Lehrkräfte, ältere Jugendliche auf den Fluren und mittendrin die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin?

An einer Schule in Zielitz sollen die neuen Fünftklässlerinnen und Fünftklässler mit diesen Unsicherheiten nicht allein bleiben. Hier gibt es eine Vertrauensschüler-AG. Jugendliche aus höheren Klassen stehen den Jüngeren zur Seite, beantworten Fragen, helfen bei Problemen und erleichtern ihnen das Ankommen.

Die Idee dahinter ist einfach: Manchmal fällt es Kindern leichter, sich einem älteren Mitschüler anzuvertrauen als einem Erwachsenen.

Entwickelt wurde das Konzept gemeinsam mit der Universität Magdeburg. Bevor die Vertrauensschülerinnen und Vertrauensschüler ihre Aufgabe übernahmen, wurden sie dafür geschult. Zum neuen Schuljahr ist die AG erstmals gestartet und die jüngeren Kinder nehmen das Angebot bereits an.

Das Projekt ist Teil der Initiative „SchuleKitaUni“, mit der Desaive Menschen und Einrichtungen zusammenbringt, die sonst oft nur wenige Berührungspunkte haben: Schulen, Kitas, Universität, Berufsbildung, Unternehmen und weitere Partner aus der Region.

Gemeinsam arbeiten sie an Fragen, die weit über den klassischen Unterricht hinausgehen. Wie bleiben Kinder psychisch gesund? Wie lernen sie, Verantwortung zu übernehmen? Wie lässt sich Demokratie im Alltag erleben? Und wie können junge Menschen frühzeitig ihre eigenen Fähigkeiten und beruflichen Möglichkeiten entdecken?

Die Antworten sollen nicht nur in Konzeptpapieren stehen. Sie sollen dort ankommen, wo Kinder ihren Alltag verbringen.

Eine Schule, die vom Kind aus denkt

Auch in Klein Wanzleben wird an einer anderen Vorstellung von Schule gearbeitet. Dort entsteht unter der Leitung von Wolfgang Vogelsaenger ein Schulkonzept, das Kinder von der Kita bis zum Schulabschluss begleiten soll.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Frage, ob alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche leisten. Entscheidend ist vielmehr, welche Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse jedes einzelne Kind mitbringt.

Noten und Leistungsdruck sollen weniger Raum einnehmen. Stattdessen soll eine Lernumgebung entstehen, in der Kinder ihre Stärken entfalten und sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln können.

Ob und wie das gelingt, will die Universität Magdeburg wissenschaftlich untersuchen. Die Forschenden begleiten die Entwicklung des Konzepts und nehmen dabei unter anderem die psychische Gesundheit, die Bewegung und das Lernen der Kinder in den Blick.

Denn eine gute Idee allein macht noch keine gute Schule. Entscheidend ist, was sie im Alltag tatsächlich verändert.

Ein Marktplatz für neue Bildungsideen

Wie viel entstehen kann, wenn unterschiedliche Menschen ihre Erfahrungen teilen, wurde auch auf dem Campus der Universität Magdeburg sichtbar. Dort fand zum zweiten Mal der Bildungsbasar „Schulentwicklung im Dialog“ statt.

Statt Bildung nur in Vorträgen zu diskutieren, bot die Veranstaltung Raum für Begegnungen, Gespräche und gemeinsames Ausprobieren. An 24 Thementischen ging es um Fragen, die viele Bildungseinrichtungen beschäftigen: mentale Gesundheit, Selbstbestimmung und Stärkung der eigenen Handlungsmöglichkeiten, auch Empowerment genannt, oder den Umgang mit digitalen Medien.

In Workshops konnten die Besucherinnen und Besucher selbst aktiv werden. Lehrkräfte trafen auf Studierende, pädagogische Fachkräfte auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch Bildungsminister Jan Riedel war vor Ort.

Besonders sichtbar waren in diesem Jahr die Jüngsten. Kita-Kinder hatten sich am Vormittag mit ihren eigenen Rechten beschäftigt. Was sie dabei erarbeitet hatten, präsentierten sie anschließend auf dem Bildungsbasar.

Damit wurde ein Gedanke unmittelbar erlebbar, der auch Desaives Arbeit prägt: Kinder sollen nicht nur Gegenstand von Bildungsdebatten sein. Sie sollen selbst eine Stimme bekommen.

Veränderung beginnt mit Begegnung

Ob Vertrauensschüler in Zielitz, ein neues Schulkonzept in Klein Wanzleben oder der Austausch auf dem Bildungsbasar: Die Projekte verbindet eine gemeinsame Idee. Bildung wird besser, wenn Menschen über die Grenzen ihrer Einrichtungen hinaus zusammenarbeiten.

Für Desaive geht es dabei nicht um die eine große Reform, die plötzlich alles verändert. Sondern darum, neue Wege im Alltag zu erproben, voneinander zu lernen und Bewährtes weiterzuentwickeln.

Ihr Wunsch ist, dass die Beteiligten neugierig bleiben, Beziehungen stärken und Gesundheit nicht als Nebensache betrachten, sondern als Grundlage gelingender Bildung.

Vielleicht beginnt die Schule der Zukunft deshalb nicht mit einem neuen Stundenplan oder einem weiteren Lehrbuch. Sondern mit einer einfachen Frage: Was brauchen Kinder eigentlich, damit sie gut lernen und gerne zur Schule gehen?

Schlagworte: Lehramt , Lehrerfortbildung