Robert Behrens und Ivan Vogt zählten zu den Pionieren, die sich 2014 an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der Uni Magdeburg für den ersten Bachelorstudiengang Medizintechnik einschrieben. Das sei ihnen aber erst später bewusst geworden, sagen sie. Zunächst hätte bei ihnen der Wunsch im Vordergrund gestanden, ihr Interesse für Elektrotechnik mit einem Fachgebiet zu verbinden, auf dem sie „praktisch anwendbar Gutes für die Menschheit“ leisten können. Das klinge zwar plakativ, aber sei wirklich so, meinen die jungen Wissenschaftler. Beide kommen aus Niedersachsen. Kennengelernt haben sie sich aber erst beim Studium an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.
Inzwischen entwickeln sie Medizintechnik neuester Generation. SCANATIQ heißt ihr eigenes Forschungsprojekt. Für die interventionelle Magnetresonanztomografie (MRT), wo Ärzte minimalinvasive Eingriffe direkt unter der laufenden Bildkontrolle eines MRT-Gerätes durchführen, haben sie eine neuartige Spulentechnologie entwickelt. In diesem Jahr wurden sie dafür mit Hugo Junkers Preis Sachsen-Anhalt in der Kategorie „Innovativste Projekte der angewandten Forschung“ ausgezeichnet.
Robert Behrens und Ivan Vogt sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Forschungscampus STIMULATE. Seit dessen Gründung 2013 arbeiten hier akademische und industrielle Partner in interdisziplinären Teams an Lösungen für die Medizintechnik des 21. Jahrhunderts. Schmunzelnd bezeichnen sich beide als „Inventar“ von STIMULATE. Denn natürlich sei die Anbindung an den Forschungscampus schon während ihres Studiums sehr eng gewesen. In die STIMULATE-Projekte wird der wissenschaftliche Nachwuchs aus den eigenen Medizintechnik-Studiengängen der Uni Magdeburg frühzeitig integriert.
Ivan Vogt arbeitete u.a. als Hilfswissenschaftler in der INKA-Forschungsgruppe; INKA steht für „Intelligente Katheter“. Anschließend wechselte er zum STIMULATE in das Forschungsteam MR System Engineering. Das hat in Kooperation mit dem Athinoula A. Martinos Center in Boston einen kleinen kompakten Tisch-Magnetresonanztomographen entwickelt. Das Tabletop MRT-Gerät wird in der Forschung und Lehre genutzt.
Robert Behrens spricht von seiner HiWi-Tätigkeit in der Arbeitsgruppe „interventionelle Magnetresonanztomographie“ (iMRI) und im Projekt „Konfigurierbarer, Interfaceoffener, Dosissparender Computertomograph (KIDS-CT). Daraus ergab sich die Zusammenarbeit mit dem RAYDIAX-Team. Das entwickelt einen Computertomographen explizit für die Nutzung als OP-Raum. RAYDIAX ist inzwischen als Spin-off aus STIMULATE hervorgegangen.
„Wir profitieren ganz stark von dem Wissenstransfer im Umfeld von STIMULATE, und wir wissen die exzellenten Rahmenbedingungen hier sehr zu schätzen“, betonen Robert Behrens und Ivan Vogt. Gerade finanziert das Land Sachsen-Anhalt dem Campus einen Erweiterungsbau. Denn dessen Forschungsinfrastruktur ist gefragt. Und STIMULATE möchte möglichst allen guten zukunftsweisenden Ideen die Türen öffnen. „Wer Forscherdrang mitbringt, wird hier gesehen und gefördert. Das motiviert“, sagt Robert Behrens.

Als sich „gegenseitig befruchtend“ erleben die beiden Wissenschaftler die Nähe zu anderen Unternehmen. Das Start-up Neoscan Solutions zum Beispiel entwickelt und baut kompakte MRT-Systeme speziell für Säuglinge und Kleinkinder. Robert Behrens hat dort seine Masterarbeit geschrieben. Aktuell entwickelt Neoscan riesige Magneten für den weltweit stärksten 14-Tesla-MRT zur Anwendung am Menschen. Es sei etwas Besonderes, dass man in nachbarschaftlicher Nähe bei Bau und Entwicklung von neuen MRT-Systemen „reinschnuppern“ dürfe, sagen Ivan Vogt und Robert Behrens und dass sie sich bestätigt fühlen in ihrem Entschluss, in Magdeburg zu bleiben. Der Wissenschaftshafen hier entwickelt sich zu einem urbanen Stadtquartier mit medizintechnischem Zentrum, wo sich Inspirationen für Forschungsthemen ergeben, wo innerhalb des STIMULATE-Netzwerkes der schnelle Transfer von innovativer Medizintechnik in die praktische Anwendung gelingt.
„Weil wir Ingenieure unkompliziert Einblicke in den klinischen Alltag bekommen und mit den Medizinern auf Augenhöhe in Teams arbeiten, können wir herausfinden, wo die Bedarfe sind und mit welchen Entwicklungen in der Medizintechnik wir den Ärzten und den Patienten die Therapie erleichtern können“, sagt Ivan Vogt. Mit seiner Doktorarbeit hat er ein völlig neues Forschungsgebiet aufgemacht. Es geht um hochentwickelte computergestützte Robotersysteme, die während eines minimalinvasiven Eingriffs die Instrumente mit hoher Präzision im Körper platzieren.
Robert Behrens hat sich in seiner Promotion mit der Sensorik für die Magnetresonanztomographie beschäftigt, weil sich die sogenannten MRT-Spulen innerhalb der letzten 20 Jahre in ihrem Grundprinzip kaum weiterentwickelt haben.
Eine Innovation auf diesem Gebiet bringen Robert Behrens und Ivan Vogt in ihrem eigenen Forschungsprojekt SCANATIQ voran. Das Wort Scan für Abtasten steckt darin. Ein MRT-Scan erzeugt detaillierte Schnittbilder des Körperinneren. Möglich machen das die interventionellen MR-Spulen. „Das sind spezielle Empfangssysteme, die in der bildgesteuerten minimalinvasiven Diagnostik und Therapie eingesetzt werden“, erklärt Robert Behrens und nennt als Beispiel die Hitze-Behandlung von Lebertumoren. „Je besser die Bildqualität, um so genauer können Operateure die Instrumente setzen“, sagt er und dass die Spule direkt am Körper platziert wird, um eine gute Signalaufnahme zu erreichen.
Die neuartigen SCANATIQ-Spulen werden kompakt, flexibel und im Vergleich zu bisherigen Spulen kabellos sein. Dadurch, so die beiden Medizintechniker, würden sich die Spulen einfacher am Körper positionieren lassen und den Patienten sowie Ärzten Erleichterungen verschaffen.
Diese Spulen bis zur Marktreife zu entwickeln, ist allerdings aufwendig und sehr kostenintensiv. Darum ist die Freude der beiden Wissenschaftler groß, dass sie mit ihrer Idee überzeugen konnten und nun von der Bundesregierung eine EXIST-Förderung erhalten. Die ist eine Unterstützung bei der Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells.
„... praktisch anwendbar Gutes für die Menschheit“ leisten – von wegen plakativ. Robert Behrens und Ivan Vogt sind erst Anfang 30 und schon ganz nah dran an diesem Ziel.