Patient testet Puls Header (c) Sarah Kossmann

Prävention neu vernetzt – früher handeln

Mit der deutschlandweit größten Präventionsstudie DIKAP entwickelt die Universitätsmedizin Magdeburg ein digitales Versorgungskonzept, das Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern soll und künftig den Weg in die Regelversorgung ebnen könnte.

Es ist kein Einzelfall: Jahrelang lebte ein Mann mit deutlich erhöhten Blutdruckwerten von 170 mmHg. Obwohl sie immer wieder gemessen wurden, blieb alles beim Alten: keine Therapie, keine Veränderungen des Lebensstils. Das Risiko, an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erkranken, war für ihn extrem hoch. Solche Fälle erleben die Forschenden der Universitätsmedizin Magdeburg immer wieder. Sie zeigen, dass viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich früher erkannt und behandelt werden müssen. Im EFRE-geförderten Forschungsprojekt „Digitale kardiovaskuläre Prävention" (DIKAP) untersucht ein interdisziplinäres Team deshalb das Potenzial digitaler Prävention. Herzstück des Projekts ist die derzeit größte Studie zur telemedizinischen Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland.

Wenn Risiken lange unbemerkt bleiben
Es gibt gleich mehrere Gründe, warum Sachsen-Anhalt als Forschungsstandort dafür besonders geeignet ist. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören hier zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen. Die Bevölkerung ist im Bundesvergleich älter, und Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel treten häufiger auf als in anderen Bundesländern. Die Folge sind mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzschwäche sowie die bundesweit niedrigste Lebenserwartung. Gleichzeitig ist Sachsen-Anhalt vom demografischen Wandel besonders betroffen und könnte zur Modellregion für neue Versorgungskonzepte werden. Mit einem Mitteldeutschen Zentrum für Gefäßgesundheit will die Universitätsmedizin Magdeburg künftig viele neue Wege der Prävention entwickeln, die weit über Sachsen-Anhalt hinaus wirken können.

Allein der Nutzen einer wirksamen Prävention beim Bluthochdruck ist erheblich: „Bis zu 80 Prozent aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen wären vermeidbar, wenn wir Risikofaktoren konsequent behandeln und die Gefäßalterung früh erkennen", sagt Prof. Dr. Rüdiger Braun-Dullaeus, Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie und Angiologie. Das ist entscheidend, weil die Entwicklung oft unbemerkt beginnt. Während die Blutgefäße altern, steigt das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen kontinuierlich an. Häufig werden die Folgen zurzeit allerdings erst sichtbar, wenn bereits bleibende Schäden entstanden sind. „Das Problem beim Bluthochdruck ist: Der tut erstmal nicht weh. Es fehlt die Sensibilität. Man beachtet ihn nicht so wie Schmerzen", weiß Dr. Patrick Müller, Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Kardiologie und Angiologie der Universitätsmedizin Magdeburg und Leiter der DIKAP-Studie. Viele Patientinnen und Patienten seien nicht ausreichend eingestellt, obwohl Bluthochdruck zu den wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren überhaupt gehört.

DIKAP entstand nicht am Reißbrett, sondern aus dem Klinikalltag. Immer wieder erleben die Ärztinnen und Ärzte Menschen, deren Herzinfarkt oder Schlaganfall wahrscheinlich hätte verhindert werden können. Hinzu kommt ein Versorgungsproblem: Gerade in ländlichen Regionen fehlen Hausärztinnen und Hausärzte. Regelmäßige Kontrollen und eine engmaschige Betreuung lassen sich dort oft kaum umsetzen. „Wir möchten einen Paradigmenwechsel erreichen", sagt Dr. Patrick Müller. „Die komplexe Medizin setzt häufig erst dort an, wo das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Viel effektiver ist es, die Therapie nach vorn zu verlagern – dorthin, wo Bluthochdruck entsteht und sich Risikofaktoren noch beeinflussen lassen." An diesem Punkt setzt DIKAP an. Seit Mai 2025 untersucht das Forschungsteam mit der Studie, wie sich Herzinfarkte und Schlaganfälle durch digitale Begleitung verhindern lassen – statt erst zu handeln, wenn bereits schwere Erkrankungen eingetreten sind.

Prävention wird Teil des Alltags
180 Menschen aus Sachsen-Anhalt mit Bluthochdruck und mindestens einem weiteren Risikofaktor nehmen an der zwölfmonatigen Studie teil. Zu Beginn und am Ende werden sie umfassend untersucht – von Herz- und Gefäßdiagnostik über MRT bis hin zu Blutanalysen. Dazwischen begleitet ein digitales Versorgungskonzept den Alltag der Teilnehmenden. Blutdruck, Gewicht, körperliche Aktivität und Medikamente werden über eine Telemedizinplattform erfasst und regelmäßig ausgewertet. Ergänzt wird das durch digitale Schulungen sowie telemedizinische Visiten mit Ärztinnen, Ärzten und Präventionsassistenzen. Auch die Motivation spielt eine wichtige Rolle: Eine Smartwatch unterstützt die Teilnehmenden dabei, mehr Bewegung in ihren Alltag zu integrieren. „Wir möchten nicht nur den Blutdruck optimieren, sondern alle Risikofaktoren gemeinsam verbessern", erklärt Dr. Müller. Welche Maßnahmen sich tatsächlich umsetzen lassen, wird individuell an die Lebensrealität der Teilnehmenden angepasst. Erste Erfahrungen aus der Studie sind vielversprechend. Zwei Teilnehmende erhielten durch Zufallsbefunde rechtzeitig eine notwendige Bypass-Operation. „Das zeigt, wie wichtig es ist, früh nach dem tatsächlichen Zustand des Gefäßsystems zu schauen", sagt der Studienleiter. Viele Teilnehmende verlieren zudem Gewicht, bewegen sich mehr, verändern ihre Gewohnheiten und senken dadurch ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gleichzeitig verbessert sich der Blutdruck.

Von der Studie in die Regelversorgung
Ein Wert verdeutlicht, wie wichtig das für Betroffene sein kann: Schon eine Senkung des systolischen Blutdrucks um zehn mmHg kann das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall um bis zu 30 Prozent reduzieren. Prof. Dr. Rüdiger Braun-Dullaeus sagt: „Das ist kein Zauberwerk. Das lässt sich durch einige Stellschrauben und Vorsorge erreichen. Es muss sie nur geben." Die Magdeburger Forschenden gehen darum auf die Überholspur und wollen Vorreiter werden: „Wir wollen die ersten sein, die Telemedizin in die Prävention bringen." Mit dem wissenschaftlichen Nachweis aus DIKAP könnten telemedizinische Präventionsprogramme künftig zur Leistung der Krankenkassen werden – ähnlich wie dies heute bereits bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Herzschwäche der Fall ist.

Gleichzeitig denkt das Forschungsteam bereits einen Schritt weiter. Verfahren der Künstlichen Intelligenz könnten dabei helfen, die Daten aus Wearables auszuwerten und Therapien noch individueller anzupassen. Im Projekt arbeitet dafür ein KI-Experte mit. Bis Ende 2027 sollen alle Studiendaten vorliegen. Gelingt der wissenschaftliche Nachweis, könnte aus DIKAP ein neues Kapitel der Gesundheitsversorgung entstehen – mit telemedizinischer Prävention, die lange ansetzt, bevor Menschen ernsthaft erkranken.


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Schlagworte: Medizinische Fakultät, Forschung